An der Kreuzung

Ich stehe mit meinem Auto an der Kreuzung. Ich bin in Eile.

Links geht es in die Landesstraße, 400 Meter weiter rechts biege ich in die Bundesstraße ab. Dann sind es noch einmal sechs Kilometer bis zu meiner Arbeitsstätte.

Es herrscht Querverkehr, ich muss warten.

Am Morgen dauert es eben immer ein bisschen länger. Jeder will zur Arbeit, jeder muss zur Arbeit. Oder sonst wo hin.

Nun hat sich eine Lücke aufgetan. Aber sie ist zu knapp, das geht sich nicht aus. Nachher denke ich anders darüber. Im Nachhinein ist man auch immer klüger. Meistens jedenfalls.

Ich warte und denke nach. Darüber.

Wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich mich mit meinem Auto in diese Lücke gequetscht hätte. Ich wäre früher in die Bundesstraße abgebogen und wäre früher bei meiner Arbeitsstätte angekommen, meine Kollegin hätte mich wie fast jeden Tag freundlich begrüßt. Ich hätte früher mit meiner Arbeit begonnen, hätte dieses wichtige Telefonat mit meinem Chef geführt und hätte meine Arbeit an diesem Tag wie geplant auch früher beendet. Die Dinge, so meine ich, hätten sich nur unwesentlich geändert.

Aber das ist jetzt egal. Die Chance ist verpasst. Chance? Welche Chance? Egal. Vorbei.

Ich warte bis die nächste Lücke aufmacht. Heute ist viel Verkehr. Es dauert.

So. Es kommen keine Autos mehr, weder von links, noch von rechts. Ich schaue noch mal nach links. Kein Auto. Ich kann jetzt losfahren.

Aber ich bleibe stehen. Ich überlege.

Wie verläuft mein Leben, wenn ich auch jetzt nicht losfahre? Ich biege später in die Bundesstraße ab, komme später in der Firma an, meine Kollegin wird mich wahrscheinlich immer noch freundlich begrüßen, ich fange später mit meiner Arbeit an, verpasse damit vielleicht das wichtige Telefonat mit meinem Chef. Das könnte Ärger geben, zumal unser Verhältnis in letzter Zeit etwas angespannt ist. Aber wegen eines Telefonats stürzt doch nicht gleich die ganze Welt ein? Nein, sicher nicht. Und diesen Arbeitstag kann ich trotz verspätetem Beginn auch früher beenden. So wie ich es geplant hatte. Es wird sich nichts ändern. Vielleicht ein wenig. Ein wenig mehr oder weniger. Wer weiß das schon.

Das Leben verläuft immer. So oder so. Es ist egal. Das beruhigt mich.

Die Straße ist leer. Ich fahre los.

Ich habe ein Auto übersehen.

3 Gedanken zu “An der Kreuzung

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